125 Jahre
General-Anzeiger

Gestern - Heute - Morgen

Liebe Leserinnen, Liebe Leser

Hermann Neusser, Verleger und Herausgeber des Bonner General-Anzeigers

Hermann Neusser, Verleger und Herausgeber des GA.

Der General-Anzeiger, den Sie morgendlich in Händen halten oder dessen Inhalte Sie am Bildschirm lesen, erschien mit diesem Namen erstmals vor 125 Jahren, am 1. Dezember 1889. Gewöhnlich werden Geburtstagskinder beschenkt. Wir möchten umgekehrt verfahren und Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit dieser umfangreichen Beilage beschenken und uns auf diese Weise für Ihr Vertrauen bedanken.

Der General-Anzeiger erschien erstmals vor 125 Jahren; der Verlag ist allerdings noch wesentlich älter. Er wurde bereits im Jahr 1725 gegründet und befindet sich seit 1801 im Besitz meiner Familie.

Das 1789 erstmals erschienene „Bönnische Intelligenzblatt“, eine der Vorläufer-Zeitungen aus unserem Verlagshaus, trug unter dem Titelkopf den Zusatz: „Zur Beförderung der Aufklärung“. So antiquiert der Sprachduktus heute auch klingen mag: Diesem Credo fühlen wir uns nach wie vor verpflichtet: Der General-Anzeiger will aufklären, will informieren, will die Bürgerschaft als Souverän dieses demokratischen Staates in die Lage versetzen, eine profunde Meinung zu bilden. Klar und deutlich, schwarz auf weiß.

Tageszeitungen sind Dokumente ihrer Zeit. Sie sammeln Quellen und sind ihrerseits Quelle. Archiviert und ausgewertet in unzähligen historischen Arbeiten spiegelt die Tageszeitung Geschichte wieder, Weltgeschichte, nationale Historie, aber vor allem auch den Alltag der Menschen.

Zeitung ist Zeitzeuge, informiert, interpretiert, bewertet – und ist immer auch ein Spiegel der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen. 1889 war die Zeit reif für Publikationen, die sich der Kontrolle durch Interessengruppen entzogen. „Jede politische, soziale und religiöse Tendenz ist absolut ausgeschlossen“, stand damals auf der ersten Seite des General-Anzeigers zu lesen, die mein Urgroßvater Hermann Neusser zum 1. Dezember 1889 in Druck gab und damit in Bonn eine Zeitung ins Leben rief, die sich bis zum heutigen Tag diesem Grundsatz verpflichtet fühlt.

Diese Verpflichtung zu erfüllen, war immer unser Anspruch – aber nicht immer umzusetzen. Denn seit 1889 ist der General-Anzeiger auch Teil der deutschen Geschichte, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Naziterror ihre denkbar negativste Ausprägung fand. Ich habe deshalb einen Historiker und Experten gebeten, die Geschichte des General-Anzeigers im Nationalsozialismus wissenschaftlich aufzuarbeiten. Professor Dr. Bernd Sösemann lehrt und forscht an der Freien Universität Berlin zur Geschichte der öffentlichen Kommunikation. Sein Fazit lesen Sie unter GA-GESTERN.

Rückblick: GA-Titelseiten der letzten Jahrzehnte

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Dass sich Zeitungsverlage schon immer großen technischen Herausforderungen stellen mussten, haben sie mit vielen anderen Branchen gemeinsam. Wer aber hätte vor 20 Jahren gedacht, dass dem Medium Zeitung und dem Beruf des Journalisten ein derart rasanter Transformationsprozess bevorsteht?

Doch trotz aller technischen Veränderungen, der allumfassenden Digitalisierung und der immensen Beschleunigung der Informationsflüsse bleibt die Aufgabe, der Auftrag aus den Anfängen nahezu unverändert aktuell. Und dieser Auftrag heißt, jeden Tag eine unabhängige, kritische und der Liberalität verpflichtete Zeitung herauszugeben. Dazu gehört in erster Linie eine unabhängige Redaktion, die diesen Auftrag auch gegen Widerstände erfüllt.

Die Tageszeitung entwickelt sich in all ihren Publikationen, ob gedruckt, als Web-Auftritt oder als App auf mobilen Endgeräten, immer stärker zu einem Hintergrund- und Analyse-Medium. Journalisten ordnen, hinterfragen und analysieren die Nachrichten aus aller Welt und aus dem unmittelbaren Umfeld der Leser. Ich bin überzeugt, dass die Zeitung, egal in welcher Form sie erscheint, als Qualitätsprodukt (und nur als Qualitätsprodukt) eine Zukunft hat.

Welch großes Potenzial in vielen Redaktionen steckt, davon legt der renommierte Theodor-Wolff-Preis Zeugnis ab. Als Kuratoriumsvorsitzender weiß ich um die schwere Aufgabe der Jury, jedes Jahr aus einer Fülle hervorragender Arbeiten die besten Texte auszuwählen. Solange Redaktionen gut recherchierte Reportagen, einfühlsame Porträts, informative Interviews auf hohem Niveau veröffentlichen, wird die Zeitung ihren Platz in der Medienlandschaft behaupten.

Ihr Hermann Neusser, Verleger und Herausgeber

DIE PRINT-BEILAGE ALS EBOOK

GA GESTERN

Was verbindet den  General-Anzeiger mit dem Eiffelturm? Das Geburtsjahr 1889. Und die Erkenntnis, dass sich Qualität  durchsetzt. Die Geschichte einer  Zeitung und ihres weitsichtigen Gründers.

Von Wolfgang Kaes

Ein Visionär setzt alles auf eine Karte

Heute steht dort der Kaufhof: Das Neussersche  Verlagshaus von 1872 bis 1892 am Bonner Münsterplatz. Zuvor wohnte dort bis 1815 die wohlhabende Witwe Helene von Breuning mit ihren vier Kindern. Der junge Ludwig van Beethoven ging dort als Klavierlehrer der Kinder ein und aus

Heute steht dort der Kaufhof: Das Neussersche Verlagshaus von 1872 bis 1892 am Bonner Münsterplatz. Zuvor wohnte dort bis 1815 die wohlhabende Witwe Helene von Breuning mit ihren vier Kindern. Der junge Ludwig van Beethoven ging dort als Klavierlehrer der Kinder ein und aus.

Hundertfünfundzwanzig Jahre. Gemessen an der Menschheitsgeschichte ein Wimpernschlag. Bei näherer Betrachtung der Zeitläufte hingegen eine gefühlte Ewigkeit. 1889. Eine fremde Zeit. Eine andere Welt. Eine Welt in Aufbruchsstimmung, angesichts des rasanten wissenschaftlichen und technischen Fortschritts. Eine Zeit des ökonomischen und sozialen Umbruchs. Ein Jahr, das zahlreiche Spuren bis in unsere Gegenwart hinterlassen hat.

1889: Im 100. Jahr nach der Französischen Revolution wartet die Weltausstellung in Paris mit einem stählernen Gebilde auf, dem die Pariser Bürger zunächst gar nichts abgewinnen können: der Eiffelturm, mit 324 Metern nun vier Jahrzehnte lang das höchste Bauwerk der Welt – und bis heute das Wahrzeichen der Stadt.

Nicht weit entfernt, in Clermont-Ferrand, gründen die Brüder Michelin eine Kautschuk-Fabrik, die Spielbälle für Kinder und Bremsklötze für Kutschen herstellt. Die Idee mit den aufblasbaren Reifen kommt ihnen erst zwei Jahre später. In Kyoto gründet sich eine Firma namens Nintendo zu dem Zweck, traditionelle japanische Spielkarten zu pressen.

Und in der 40 000 Einwohner zählenden Universitätsstadt Bonn erscheint am 1. Dezember 1889, heute vor 125 Jahren, die erste Ausgabe des General-Anzeigers.

Ein revolutionärer Zeitungstypus; befanden sich doch viele deutsche Zeitungen im Besitz gesellschaftlicher Interessengruppen. Kirchen oder politische Parteien nahmen massiv Einfluss auf redaktionelle Inhalte. Auf der Titelseite der ersten Ausgabe publiziert Zeitungsgründer Hermann Neusser, der Urgroßvater des heutigen Verlegers und Herausgebers Hermann Neusser, deshalb Auszüge aus dem Statut des General-Anzeigers: „Jede politische, soziale und religiöse Tendenz ist absolut ausgeschlossen.“

Und er weist explizit darauf hin, dass die neue Zeitung „nicht auf den Leserkreis irgendeiner Partei beschränkt ist, sondern in allen Familien, in allen Haushaltungen gelesen“ werden kann. Man scheue „weder Anstrengungen noch Geldopfer, um das gesetzte Ziel auch zu erreichen“.

„Geldopfer“ würde man heute wohl Investition nennen, und dafür liefert der Text ein Beispiel: Für den Erwerb einer neuen Rotationsmaschine des Würzburger Herstellers Koenig & Bauer habe man „die Auslage der Kostensumme von 20 000 Mark nicht gescheut“. Die Leistung der Maschine versetze „Fachleute wie Laien in größtes Erstaunen“.

Der älteste Druckmaschinen-Hersteller der Welt, 1848 gegründet, ist heute noch in einigen Segmenten Weltmarktführer. Rotationsmaschinen kosten allerdings nicht mehr 20 000 Mark, sondern Millionen von Euro.

Von links: Johann Neusser (1808-1878) und Hermann Neusser (1839-1909)

Von links: Johann Neusser (1808-1878) und Hermann Neusser (1839-1909)

„Auf den nachrichtlichen, unterhaltenden und belehrenden Theil wird die größte Sorgfalt verwendet werden“, verspricht der Titeltext der Startausgabe, die in einer Auflage von 16 000 Exemplaren erscheint. „Schriftsteller von hervorragender Bedeutung, die fast alle unserer rheinischen Heimat angehören, sind dafür gewonnen. Ein ständiger Depeschendienst wird uns in die Lage setzen, unsere Leser schnell und ausgiebig über die täglichen Weltereignisse in Kenntnis zu setzen.“ So wie auch noch 125 Jahre später wird die neue Zeitung „von Haus zu Haus“ verteilt, auch „in Etagenhäuser, Hinterhäuser und auf dem Lande“, wie der Verlag versichert, in „Bonn und Umgegend, mehrere Meilen im Umkreis“, von Rhöndorf bis Rheidt, von Oberwinter bis Widdig.

Zeitungsgründer Hermann Neusser war ein Unternehmer modernen Typs. Ein Visionär, der die Zeichen der Zeit erkannte: eine prosperierende Wirtschaft, die nach Ende des staatlichen Anzeigenmonopols eine attraktive Werbeplattform für Waren und Dienstleistungen suchte, und eine des Lesens mächtige, immer gebildetere Bürgerschaft, die nach Informationen hungerte.

Der 1839 geborene Verleger besuchte das Realgymnasium, hörte Vorlesungen an der Universität und heiratete 1870 Luise Bischoff, die Tochter eines Münchner Medizinprofessors. Den Verlag hatte er 1874 von seinem Vater übernommen: Johann Neusser (1808-1878) war Herausgeber der einmal wöchentlich erscheinenden „Bonner Zeitung“, hatte als junger Mann nach der Buchdrucker-Lehre die Düsseldorfer Malerakademie besucht und später auch Lyrikbände publiziert.

Johann war „ein schöngeistiger Mann, eine Künstlernatur“, erinnerte sich später Enkel Hermann Kohl an den Großvater. „Er zeichnete sehr gut, er war ein sehr guter Cello-Spieler, aber alles andere als ein Geschäftsmann und stets heilfroh, wenn er mit den Belangen der Zeitung nicht behelligt wurde.“

Johanns Sohn Hermann Neusser hingegen war Verleger und Zeitungsmann aus Leidenschaft. Und er erkannte bald, dass die antiquierte „Bonner Zeitung“ keine Zukunft haben konnte. Dem Angebot der Subventionierung durch die Nationalliberale Partei verweigerte er sich, weil damit der Verlust der publizistischen Unabhängigkeit einhergegangen wäre. Stattdessen zog er es vor, die „Bonner Zeitung“ einzustellen.

General-Anzeiger: Gestern – Heute – Morgen

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Das Verlagshaus hatte da schon eine lange Tradition. 1725 war es von Leonhard Rommerskirchen als „Kurfürstliche Hofbuchdruckerei“ gegründet worden und war seit 1801 (seit Eheschließung des Buchdruckers Peter Neusser mit Catherina Rommerskirchen) im Besitz der Familie Neusser. Zeitungen wie das „Gnädigst privilegierte Bönnische Intelligenzblatt“ oder die zweisprachige „Feuille d’Affiches“ waren dort entstanden.

Nun verkaufte Hermann Neusser alle Lizenzen an die Bonner Buchhandlung Friedrich Cohen (Bouvier) und die Rechte am „Adressbuch für die Stadt Bonn und die Gemeinde Poppelsdorf“ an die Bonner Firma Carthaus, um seine weitsichtigen Zukunftspläne realisieren zu können: Die Gründung des General-Anzeigers. Eine neuartige Zeitung, eine neue, moderne Druckmaschine, ein neues „Expeditionslokal“ in der ehemaligen Gastwirtschaft Schmitz an der Bahnhofstraße.

Der Erfolg gab Hermann Neusser Recht. Doch der 1909 verstorbene Bonner Unternehmer hatte nicht nur einen Verlag von seinem Vater übernommen – sondern auch den freien Geist und das Interesse an identitätsstiftender Kultur.

1889 war nämlich nicht nur das Startjahr des General-Anzeigers: Am 24. September schlossen sich in Utrecht die alt-katholischen Kirchen der Niederlande, Deutschlands und der Schweiz zusammen. Das alt-katholische Bekenntnis entstand nach dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870: Zahlreiche Gläubige, darunter auch vier Bonner Theologieprofessoren, wollten das in Rom verkündete Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit nicht mittragen und nahmen die Exkommunikation in Kauf.

Neue Adresse Bahnhofstraße: Das Bonner Verlagshaus  des General-Anzeigers von 1892 bis zum 18. Oktober 1944, als die Geschäftsräume und die Druckerei im Bombenhagel völlig zerstört wurden.

Neue Adresse Bahnhofstraße: Das Bonner Verlagshaus des General-Anzeigers von 1892 bis zum 18. Oktober 1944, als die Geschäftsräume und die Druckerei im Bombenhagel völlig zerstört wurden.

Bonn ist heute Bischofssitz der rund 15 800 deutschen Alt-Katholiken, die Frauen zum Priesteramt zulassen und Priester nicht dem Zölibat unterwerfen. Die Familie Neusser ist seit Anbeginn Mitglied der Bonner Gemeinde.

Ebenfalls 1889 gründete Hermann Neusser mit elf weiteren Bonner Bürgern den „Verein Beethovenhaus Bonn“ und kaufte das verkommene Anwesen an der Bonngasse. Damals wurde das Zimmer, in dem der weltberühmte Komponist 1770 geboren wurde, von der sparsam bekleideten Damenkapelle eines Vergnügungslokals als Umkleideraum genutzt. Ohne das Engagement des General-Anzeiger-Gründers hätte die Stadt das Gebäude gnadenlos dem Erdboden gleichgemacht. Heute ist das Denkmal an der Bonngasse einer der attraktivsten touristischen Magnete Bonns: Pro Jahr pilgern rund 100 000 Besucher aus aller Welt ehrfürchtig über die knarrenden Holzdielen.

Und täglich, mitunter mehrmals täglich, werden interessierte Besuchergruppen auch durch die Gebäude des General-Anzeigers an der Justus-von-Liebig-Straße im Gewerbegebiet Dransdorf geführt: Sie beherbergen das älteste Familienunternehmen des IHK-Bezirks Bonn und den ältesten Verlag des Rheinlandes.

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GA HEUTE

Bescheidenheit ist eine Zier. Das gilt auch für Zeitungen. Doch bei aller Bescheidenheit ist der GA ein vielfach ausgezeichnetes Blatt.

Von Sylvia Binner

Eine ausgezeichnete Zeitung

Der Henri-Nannen-Preis, benannt nach dem legendären Gründer des Stern, geschaffen von Bildhauer Rainer Fetting.

Der Henri-Nannen-Preis, benannt nach dem legendären Gründer des Stern, geschaffen von Bildhauer Rainer Fetting.

Eine Frau verschwindet spurlos. Beim Bau eines Kongresszentrums nehmen es Beteiligte mit der Wahrheit nicht so genau. Und im südlichen Afrika entsteht das weltgrößte Schutzgebiet für Wildtiere. Was diese drei Nachrichten miteinander zu tun haben? Einerseits gar nichts, andererseits eine Menge.

Denn über jede dieser Geschichten haben GA-Journalisten so engagiert berichtet, dass die Zeitung mehrfach für ihren Qualitätsjournalismus ausgezeichnet wurde und als regionales Medium in den Bestenlisten der bundesweiten Leuchttürme der journalistischen Zunft wie dem Theodor-Wolff-Preis, dem Henri-Nannen-Preis und dem Wächterpreis ihre Spuren hinterlassen hat.

Wie viele Themen es waren, wie viele Preise in der 125-jährigen Geschichte des Zeitungstitels, darüber gibt es keine Aufzeichnung, keine Statistik, also auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Das ist auch nicht so wichtig, denn es soll hier nicht um journalistische Eitelkeit gehen, sondern um den Dienst am Publikum. „Man kann nicht auf einen Preis hinschreiben“, hat einer der ausgezeichneten Kollegen aus den Reihen des General-Anzeigers mal gesagt. Vielmehr gehe es darum, ein Thema mit Engagement zu verfolgen, mit Leidenschaft. Und was weckt die Leidenschaft, die in guten Journalismus mündet, der oft kritisch, manchmal unterhaltsam, immer aber auch sprachlich und optisch ambitioniert ist?

Am Anfang steht das Geschehen selbst. Da braucht es einen handfesten Skandal wie den um das Bonner WCCB. Eine Katastrophe für die Stadt und ihre Bürger, die zugleich aufklärenden Journalismus herausfordert. In bisher 91 Folgen der Serie „Die Millionenfalle“ hat ein Team aus GA-Redakteuren um den harten Kern Lisa Inhoffen, Rita Klein, Florian Ludwig, Wolfgang Wiedlich die Vorgänge geschildert und dafür drei Journalistenpreise erhalten.

Die Jury des Wächterpreises 2010 für couragierte Reporter schrieb: „Über Monate haben Journalisten eine Fülle von Fehlentwicklungen, Leichtfertigkeiten und Verschwendungen transparent gemacht.“ Eine Hartnäckigkeit, die auch Konrad-Adenauer-Stiftung und Bund der Steuerzahler ausgezeichnet fanden.

Kriminalistischen Spürsinn legte GA-Chefreporter Wolfgang Kaes an den Tag, der für seine Geschichte über die vermisste Rheinbacherin Trudel Ulmen mit Preisen bedacht wurde. Und trotzdem wiegt schwerer als der Henri-Nannen-Preis 2013 in Gestalt der gewichtigen Bronzeskulptur und der Leuchtturm 2012 des Netzwerks Recherche die Aufklärung des Falles Ulmen: Kurz vor der Verjährungsfrist ermittelte die Polizei aufgrund der GA-Berichte erneut und entlarvte den Ehemann der Vermissten als Totschläger.

Kein Wunder, dass die Leser zurzeit mit großer Empathie verfolgen, wie Chefreporter Wolfgang Kaes dem mysteriösen Tod des 19-jährigen Bonners Jens Henrik Bleck nachspürt.

Nicht nur auf lokaler Ebene warten spannende Stoffe darauf, recherchiert zu werden. Auch globale Themen können sich wie ein roter Faden durch ein Journalistenleben ziehen. Beim Geografen Wolfgang Wiedlich geht es um Umweltthemen wie Wasser, Ernährung und Klimawandel. Was ihm nicht nur eine Fangemeinde unter den Lesern dankt, sondern sich auch in Ehrungen spiegelt, die er im Laufe von Jahrzehnten erhalten hat.

Zum Beispiel den Umweltpreis für Publizistik 1990 für die Serie „Klima in Gefahr“ oder die Nominierung für den Henri-Nannen-Preis 2009, weil er im Artikel „Ein kleiner Haufen Denker“ die Forscher porträtierte, die früh die Gefahren durch FCKW für die Ozonschicht erkannten. Für seine Betrachtung „Unser täglich Brot“ über Welternährung, grüne Revolution und Ressourcenverbrauch erhielt Wiedlich 1994 den vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger verliehenen Theodor-Wolff-Preis.

24 Stunden General-Anzeiger (Fotos: Volker Lannert)

6.00 Uhr
7.10 Uhr
9.15 Uhr
11.30 Uhr
14.20 Uhr
15.00 Uhr
19.10 Uhr
21.05 Uhr
23.50 Uhr
3.10 Uhr
5.40 Uhr

Auch für Politikredakteur Lutz Warkalla hat sich der lange Atem ausgezahlt, mit dem er die deutsche Entwicklungszusammenarbeit journalistisch begleitet. Was sich unter anderem im Medienpreis Entwicklungspolitik 2001 manifestiert, der ihm für die monatlich im GA erscheinende Nord-Süd-Seite zuteil wurde.

Um ökonomische Zusammenhänge in der eigenen Umgebung ging es, als ein Team aus Wirtschafts- und Lokalredaktion 2004 mit dem ersten Journalistenpreis der Volksbanken und Raiffeisenbanken für eine Doppelseite über Unternehmensnachfolge ausgezeichnet wurde. Nur ein Jahr danach erhielt die frühere London-Korrespondentin und heutige GA-Politikredakteurin Jasmin Fischer den Preis für ein Unternehmerporträt.

Auch das Auge isst mit – auch im Journalismus. Weshalb zum alltäglichen Ringen um die gute Geschichte auch das Bemühen um eine attraktive Präsentation zählt. Wenn Turmspringer akrobatisch über eine Seite der Wochenendbeilage Journal hechten, Heinz Dietl und sein Boulevard-Team kreative Impulse setzen oder Tina Stommel und Volker Lannert mit Hilfe einer Drohne die Region von oben erklären, dann ist das den Juroren den European Newspaper Award wert.

Geht es um lokale Aus- und Einblicke, sind die GA-Fotografen mit im Boot: Zum Beispiel wenn Tina Stommel und Max Malsch für den Adventskalender Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben, oder Frank Vallender mit Barbara Frommann und Ronald Friese den Bau des Post-Towers als stimmige Komposition inszeniert.

Ganz nah dran sein an den Lesern, das schätzt die Jury der Konrad-Adenauer-Stiftung. Und es war ihr im Laufe der Zeit so manchen Preis für den GA wert: für die Redaktionen Königswinter und Siegburg, die über den Bau der ICE-Trasse berichteten, oder die Aktion Bonnissimo, wo Leser und Zeitung kooperierten, um ihre Stadt sauberer zu machen.

Wie wenig die Belange der Bürger und ausgezeichneter Journalismus zu trennen sind, zeigte nicht zuletzt der Deutsche Lokaljournalistenpreis 2011 der Adenauer-Stiftung: Der erste Preis ging an den GA für sein Projekt Familienzeitung. Gefeiert wurde nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern zusammen mit Lesern.

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GA MORGEN

Ein Gespräch mit Felix Neusser, der im Sommer 2014 in den Verlag seiner Familie eingetreten ist, über digitale Zukunftspläne und die gedruckte Zeitung.

"Es geht um eine Leuchtturm-Strategie"

Die Symbolkraft ist groß, wenn ein junger Mensch in das Unternehmen seiner Familie eintritt. Da geht es um Tradition, um Kontinuität, aber auch um Verantwortung für die Zukunft. So wie im Sommer dieses Jahres, als Felix Neusser in der Bonner Zeitungsdruckerei und Verlagsanstalt H. Neusser GmbH anfing. Natürlich kannte er das Unternehmen, das seit 125 Jahren den General-Anzeiger herausgibt, von Kindesbeinen an, von Besuchen und von Praktika.

Aber nun fühlte es sich anders an. Für ihn selbst, für seinen Vater Hermann Neusser und die Familie, aber auch für die Belegschaft: Mit dem 28-Jährigen führt die siebte Generation der Familie das Erbe fort. Zunächst in der Funktion einer Stabsstelle, zugeordnet der Geschäftsführung. Ausgestattet unter anderem mit einem Auftrag, in dem es um ein für den General-Anzeiger wichtiges Zukunftsthema geht: Unterstützt durch externen wie internen Sachverstand, verantwortet Felix Neusser ein Projekt zur Digitalen Entwicklung des Hauses. Mit ihm sprachen Sylvia Binner, Wolfgang Kaes und Andreas Mühl über die digitalen Herausforderungen, aber auch über den Fortbestand der gedruckten Zeitung.

Zur Person
Im Gespräch: der 28-jährige Felix Neusser. Fotos: Volker Lannert

Im Gespräch: der 28-jährige Felix Neusser. Fotos: Volker Lannert

Felix Neusser, Jahrgang 1986, trat im Sommer 2014 in das Familienunternehmen ein. Der gebürtige Bonner besetzt dort aktuell eine der Geschäftsführung zugeordnete Stabsstelle und arbeitet unter anderem an der Digitalen Zukunftsstrategie des General-Anzeigers.

Zuvor hat Neusser, der in Wien und London Betriebswirtschaftslehre studierte, erste berufliche Erfahrungen im Bereich Innovations- und Prozessmanagement sowohl in der Medienbranche als auch in der Industrie gesammelt.

Was seine Hobbys angeht, hat sein Lebensabschnitt in Österreich Spuren hinterlassen: Neusser ist begeisterter Wanderer und Skifahrer.

Herr Neusser, was hat Sie zum Einstieg in das Unternehmen Ihrer Familie bewogen?

Felix Neusser: Ich bin zur zweiten Jahreshälfte 2014 ins Familienunternehmen eingetreten, weil wir vor einem spannenden Umbruch stehen und mich die Unterstützung bei der Ausrichtung und Weiterentwicklung des General-Anzeigers in Zeiten des digitalen Medienwandels reizt. Natürlich besteht auch zu einem großen Teil die Freude an der Weiterführung einer langen Familientradition in siebter Generation.

Ihr Eintritt in den Verlag ist auch mit einer Rückkehr in ihre Heimatstadt Bonn verbunden. Was fällt Ihnen im Rheinland auf, nachdem Sie in der Welt unterwegs gewesen sind?

Neusser: Nach knapp neun Jahren Abwesenheit vom Rheinland und all seinen Vorzügen war es einfach mal genug. Und es ist keine Lobhudelei, wenn ich rückblickend sagen kann, dass besonders Bonn und sein attraktives Umland zu den lebenswertesten Regionen in Europa zählen; auch wenn mir als gebürtigem Rheinländer da eine gewisse Objektivität abgesprochen werden muss. Aber jenseits aller angeborenen Verbundenheit ist es besonders das Verhältnis von Natur, Wirtschaft und Kultur, das mich im Alltag immer wieder fasziniert.

Vor welchen digitalen Herausforderungen steht eine Regionalzeitung wie der General-Anzeiger heute?

Neusser: Das Nutzungsverhalten von Nachrichten hat sich den vergangenen Jahren nachhaltig verändert. Die Zeit, um das umfassende Angebot einer gedruckten Zeitung zu nutzen, bringt nicht mehr jeder auf. Klassische Zeiträume für die Zeitungslektüre wie das morgendliche Frühstück oder die Frühstückspause im Betrieb haben sich verändert oder sind verschwunden. Heute ist es beispielsweise nicht mehr üblich, am Arbeitsplatz die Zeitung zu lesen. Nachrichten im Internet zu konsumieren, gehört dagegen fast überall dazu. Außerdem steigt die Zahl an mobilen Zugriffen stark an, weil Nutzer über ihre Smartphones oder Tablets von unterwegs zugreifen. Dies führt dazu, dass über den Tagesverlauf fast konstante Zugriffe auf unser Angebot existieren.

Was resultiert daraus? Wie müssen sich nach Ihrer Ansicht Zeitungen und deren digitale Angebote unterscheiden und ergänzen?

Neusser: Eine Zeitung erinnert fast schon an eine Bibliothek. Sie kann Geschmack auf Themen wecken. Digitale Informationen dagegen erreichen nicht nur in schnelleren Intervallen eine andere Leserschicht, bieten die kurze und knappe Information im Tagesverlauf, sondern können auch mehr in die Breite gehen. Was aber Print und Online durchaus eint und verbindet, ist eine gewisse Selektionsfunktion im täglichen Nachrichtendschungel. Und da geht es auch für Regionalzeitungen nicht nur um das Lokale alleine, sondern um eine umfassende Informationsmöglichkeit über die wichtigen Themen auch im Überregionalen. Für Print schlägt dabei zu Buche, dass Themen, die am Vortag aufgrund ihres Breaking-News-Charakters schnell über digitale Medien verbreitet wurden, im gedruckten Medium mit zeitlichem Abstand mit Hintergrund aufgearbeitet werden können. Also eine gegenseitige Unterstützung und Ergänzung der verschiedenen Medien untereinander.

Felix Neusser im Interview

„Das gedruckte Blatt muss im Kontrast zu den schnellen, teilweise knapperen, elektronischen Medien in die journalistische Tiefe gehen.“

Also muss die Marke General-Anzeiger alle Informationsbedürfnisse Ihrer Leser befriedigen?

Neusser: Nein, ich denke nicht, dass wir der Filter sein können, der wirklich alles abdeckt. Wenn ich zum Beispiel auf den Wirtschaftsteil blicke, dann sind wir gut aufgehoben an der Nahtstelle zwischen wichtigen internationalen Entwicklungen, der deutschen Wirtschaft und unseren Unternehmen vor Ort. Und wir befinden uns innerhalb unserer Produkte zugleich an der Nahtstelle zwischen Mantel und Lokalem. Wer also bei Wirtschaftsthemen darüber hinaus in die Tiefe gehen will, der greift schon mal zu Fachtiteln.

Welche Qualität muss eine Zeitung wie der General-Anzeiger in der heutigen Zeit bieten, um für seine Leser trotz der digitalen Konkurrenz weiter attraktiv zu bleiben?

Neusser: Mir persönlich gefällt in diesem Zusammenhang der Begriff „Warum-Zeitung“ sehr gut. Das heißt: Das gedruckte Blatt muss im Kontrast zu den schnellen, teilweise knapperen, elektronischen Medien in die journalistische Tiefe gehen. Die Zeitung muss mehr noch als zuvor Hintergründe und Analysen liefern, die Welt und ihre immer komplexer werdenden Zusammenhänge in einer globalisierten Welt erklären und die Bedeutung für den Einzelnen einordnen. Als Medium für diese hintergründigen Inhalte wird es die gedruckte Zeitung weiter geben.

Was heißt das für die Marke General-Anzeiger und ihre Bedeutung in Bonn und der Region?

Neusser: Es geht um eine Leuchtturm-Strategie, deren qualitativ hochwertige Ausrichtung in allen Medien, die der General-Anzeiger anbietet, für den Nutzer spürbar ist. Die jedem zeigt, dass diese Marke Orientierung bietet, und zwar verzahnt über Print und Digitales. Dies bedarf einer starken Redaktion, die medienübergreifend leserorientiert sowohl lokal als auch überregional arbeitet. Es geht aber durchaus auch um eine Emotionalisierung. Spätestens an dieser Stelle kommen auch die Sozialen Medien mit ins Spiel, in denen sich – je nach Thema – eine ganz andere Gemeinschaft findet. Neudeutsch nennt man das auch Community Building. Was wiederum nicht nur dort, sondern auch in der analogen Welt für den GA eine Rolle spielt. Schöne Beispiele sind die GA-Sportlerwahl oder unsere unterschiedlichen Podiumsdiskussionen.

Was finden Sie da besonders bemerkenswert?

Neusser: Wie sich zum Beispiel bei der Sportlerwahl über eine Abstimmung, die auf analogen wie digitalen Kanälen läuft, und die zugehörige Berichterstattung eine Gruppe von Menschen in der Region vernetzt. Spätestens bei der Preisverleihung treffen Spitzensportler auf Hobbyathleten und den Nachwuchs. So entstehen neue Kontakte in der Region. Auch das ist eine Aufgabe der lokalen Zeitung.

Sind das Pluspunkte, die auch der jungen Generation, zu der Sie ja gehören, bewusst sind?

Neusser: Nicht immer. Obwohl es auch für mich persönlich kein Medium gibt, das so tagtäglich zu anderen Themen inspiriert und einlädt wie Print, während ich im Netz eben das finde, was ich suche. Ein weiterer Aspekt, der nach den Enthüllungen von Edward Snowden über die NSA eine zunehmende Bedeutung auch unter den jüngeren Leuten gewinnt, ist die Datensicherheit. Da ist es doch interessant sich zu überlegen, dass die gedruckte Zeitung das einzige Medium ist, bei dessen Konsum keine Nutzerdaten erhoben werden. Das interessiert auch einen zunehmend größer werdenden Teil meiner Generation. Außerdem bietet die Zeitung auch den Jüngeren eine gewisse Entschleunigung.

Wie sehen konkret die Inhalte des Projekts für die Digitale Zukunft aus, mit dem Sie gerade beschäftigt sind?

Neusser: Wir sind dabei, unsere bisherige Online-Strategie zu überprüfen und auszubauen. Da geht es unter anderem um das Ziel, künftig im Tagesverlauf auf verschiedenen Wegen für den Leser und Nutzer erreichbar zu sein. Da geht es auch um die richtige Dramaturgie in Bezug auf unsere Internetseite, um Apps, Newsletter, soziale Medien, das Epaper und die gedruckte Zeitung. Dabei müssen die Nachrichten und Inhalte sowie deren Darreichungsform natürlich auf die Möglichkeiten der jeweiligen Kanäle abgestimmt sein.

Da geht es um kurze, knackige Infos fürs Smartphone, wo das Abbilden einer Doppelseite mit langen Texten sicher wenig attraktiv ist, weil der Nutzer den schnellen, aktuellen Zugriff von unterwegs sucht. Es geht aber auch um Fotostrecken, interaktive Grafiken und Videos für andere digitale Versionen. Aber jenseits der Spezialitäten jedes Instruments geht es auch um das Zusammenspiel des ganzen Orchesters, wo vielleicht eine App der erste Zugang ist, aber zugleich Hinweise gibt auf weitere Inhalte. Oder auf einen Zusatznutzen wie eine Anfahrtsskizze, die Wettervorhersage oder einen Restaurant-Tipp, wo ergänzend O-Töne und Bewegtbilder auftauchen oder sich bei Zeitmangel spannende Themen für später markieren und aufsparen lassen.

Und am Ende kann jeder Leser oder Nutzer den Vertriebsweg und die Aufbereitung wählen, die ihm zusagen?

Felix Neusser im Interview

„Am Ende steht die Individualisierung der Angebotspalette.“

Neusser: Genau. Am Ende steht die Individualisierung der Angebotspalette. Und der Preismodelle. Denn eines ist klar: Journalistische Leistung hat ihre Wertigkeit und will bezahlt werden. Auch im Netz.

Den richtigen Weg, Bezahlmodelle im Internet zu installieren, damit Zeitungshäuser auch in Zeiten sinkender Auflagen eine Zukunft haben, sucht die ganze Branche.

Neusser: Das stimmt, das Ei des Kolumbus ist da noch nicht gefunden. Aber vielleicht gibt es sie auch gar nicht, die eine, geniale Lösung, sondern das Ganze ist und bleibt ein fortwährendes Bemühen um jeden Fortschritt, an dem wir auch beim General-Anzeiger fortwährend arbeiten müssen. Zumal es sicher nicht die für alle passende Lösung gibt. Gerade wir als regionaler Zeitungsverlag müssen da sicher an ganz anderen Ansätzen arbeiten als überregionale Blätter oder Wochenzeitungen.

Wenn wir da weiter in die Zukunft blicken: Was ist an Dienstleistungen denkbar, bei denen Regionalzeitungen wie der General-Anzeiger ihre Verbundenheit und ihre Kenntnis der Region als Dienstleistung für ihre Nutzer anbieten können?

Neusser: Unsere Regionalität ist unser Alleinstellungsmerkmal und unser Wettbewerbsvorteil zugleich. Da kann ich mir schon einige Dienstleistungen vorstellen, bei denen regionales Wissen von Nutzen sein kann. Nehmen wir zum Beispiel ein maßgeschneidertes Digitalangebot für eine junge Familie, die in den Rhein-Sieg-Kreis zieht. Die findet dann gebündelt alle Informationen über Kitas und Schulen, lernt spielerisch ihre Umgebung kennen, mit Ausflugstipps und Kinderspielplätzen, aber auch mit Sportvereinen und deren Angeboten für Eltern und Kinder, mit kinderfreundlichen Restaurants und vielem anderen mehr. Eben eine echte Orientierungshilfe im Alltag.

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GA IN AKTION

Mit der Aktion Weihnachtslicht wollte der General-Anzeiger ursprünglich die Not der Nachkriegsjahre lindern. 62 Jahre später ist die Spendenaktion aus dem städtischen Leben nicht mehr wegzudenken.

Von Rüdiger Franz

Bonner helfen Bonnern

Bonner Weihnachtsmarkt 2014: Seit der Eröffnung am 21. November betreuen wieder GA-Mitarbeiter im Zwei-Schicht-Betrieb den Stand des Weihnachtslichts am Bottlerplatz, auf dem Foto Angelika Engel (Marketing) und Hans-Peter Fuß (Redaktion).

Bonner Weihnachtsmarkt 2014: Seit der Eröffnung am 21. November betreuen wieder GA-Mitarbeiter im Zwei-Schicht-Betrieb den Stand des Weihnachtslichts am Bottlerplatz, auf dem Foto Angelika Engel (Marketing) und Hans-Peter Fuß (Redaktion).

Hier die Klassik, dort drüben Jazz und Pop. Und dahinten die Hörbücher. Für viele Bonner ist er längst zu einem festen Bestandteil der Adventszeit geworden, der Stand mit den CDs und DVDs, betrieben von der Aktion Weihnachtslicht des General-Anzeigers.

Seit eineinhalb Jahrzehnten bereichert sie den Bonner Weihnachtsmarkt, zunächst mit dem Verkauf gespendeter Kochbücher, bevor die „Produktpalette“ dann vor rund zehn Jahren auf CDs umschwenkte. In diesem Jahr haben die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, vorwiegend GA-Mitarbeiter und deren Angehörige, am Bottlerplatz schräg gegenüber der GA-Geschäftsstelle eine nagelneue „Bude“ bezogen.

Der Verkauf der silbernen Tonträger ist jedoch alles andere als ein Selbstzweck. Bei den Schallplatten handelt es sich um Spenden von Lesern des General-Anzeigers, die am Stand zu familienfreundlichen Preisen verkauft werden. Das Geld fließt in den Gesamterlös der Aktion Weihnachtslicht, für die selbstredend auch völlig unabhängig von dem Stand auf dem Weihnachtsmarkt fleißig gespendet wird.

Im vergangenen Jahr wurde dabei eine Schallmauer eindrucksvoll durchbrochen: „Wir haben 2013/14 erstmals die Eine-Million-Euro-Marke überschritten“, berichtet Bernd Leyendecker, Vorsitzender des Vereins Weihnachtslicht.

Nun gibt es der Benefizaktionen bekanntlich viele. Wie erklärt man einem Gast oder Neu-Bonner die Besonderheit des Weihnachtslichts?

„Zunächst einmal handelt es sich ausschließlich um Spenden aus dem weiten Kreis der GA-Leser“, sagt Bernd Leyendecker und ergänzt: „Außerdem kommt jeder gespendete Cent an. Weil der Verlag den Verwaltungsaufwand übernimmt, geht der Spendenbetrag zu hundert Prozent an die Bedürftigen.“ Dass alles stets korrekt und zuverlässig vonstatten geht, verbürgt die jährliche freiwillige Prüfung durch Mitarbeiter des Sozialamtes.

Bilderstrecke: GA-Weihnachtslicht

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Angefangen hatte alles im Jahr 1952. Sieben Jahre nach dem Krieg waren die Schäden im Stadtbild noch deutlich sichtbar. Vor allem aber litten viele ältere Bonner akute, bittere Not. Dem damaligen Lokalchef und späteren Chefredakteur Wilhelm Kümpel kam die Idee, an die Leser des General-Anzeigers zu appellieren, in der Weihnachtszeit für in Not befindliche ältere Mitbürger zu spenden.

Unterstützt wurde er dabei von Chefredakteur Edmund Els sowie von der Verlagsspitze um Hermann Neusser und Otto Weidert. Bald schon war ein Name für die Spendenaktion gefunden: „Weihnachtslicht“.

Der Aufruf, erstmals erschienen am 15. November 1952, fiel auf fruchtbaren Boden. Denn schon kurz darauf wurden Decken, Kleidung, Kohle, Lebensmittel und Möbel zum damaligen Verlagshaus in der Innenstadt gebracht und von GA-Mitarbeitern an die Bedürftigen verteilt. Über die Jahre wurden die Sachgaben fürs „Weihnachtslicht“ seltener, stattdessen häuften sich die Geldspenden.

Inzwischen profitiert das Weihnachtslicht regelmäßig von kreativen, teils skurrilen Ideen, mit denen Bürger für Spenden werben – sei es aus Anlass von Geburtstagen, Firmenjubiläen, Familienfeiern oder mittels künstlerischer oder handwerklicher Betätigung.

Am Ende bleibt für alle Beteiligten eine durchaus beglückende Erkenntnis, die der frühere Bundesaußenminister Guido Westerwelle in einem Satz zusammenfasste: „Meine Heimat Bonn ist auch wegen dieser Aktion des GA eine Stadt der Mitmenschlichkeit“.

Weitere Inhalte zu diesem Kapitel:


Exkursionen in die Heimat

Eine spontane Idee wird zur Erfolgsstory

Eine Frage der Wertschätzung

GA WELTWEIT

Für unsere Leserinnen und Leser berichten die Auslandskorrespondenten des General-Anzeigers ausnahmsweise nicht über andere, sondern über sich selbst.

Für den GA aus aller Welt

GA-Korrespondenten weltweit

Puebla/MexikoWashington/USAJerusalem/IsraelRom/ItalienBrüssel/EUPeking/China/FernostMoskau/RußlandParis/FrankreichKairo/Ägypten/ AfrikaLondon/GroßbritanienGenf/SchweizBangkok/Thailand/
Ostasien
Istanbul/TürkeiMadrid/Spanien
Sandra Weiss.

Sandra Weiss

Fünf Uhr früh. Ein ohrenbetäubendes Schrillen. Im Halbschlaf taumele ich zum Telefon. Die gut gelaunte Stimme eines deutschen Redakteurs braucht „dringend was zum Drogenkrieg in Mexiko“. (Nein, die Kollegen vom General-Anzeiger waren es nicht.)

In 15 Jahren habe ich gelernt, es mit Humor zu nehmen. „Ja gerne, wenn ich ausgeschlafen habe“, entgegne ich und genieße schadenfreudig das entschuldigende Gestammel am anderen Ende der Leitung. Was wird nur im deutschen Geografie-Unterricht gelehrt? Zeitzonen offenbar nicht.

Für Journalismus in Lateinamerika gelten etwas andere Regeln. Brauche ich eine Auskunft von Behörden, muss ich erst die richtige Handynummer ausfindig machen. Versuche mit den offiziellen Festnetz-Nummern führen entweder zu ranzigem „falsch verbunden“, schrillen Faxtönen oder zum ahnunglosen Archivar.

Hat man endlich die Sekretärin an der Strippe, muss man sich erst langwierig vorstellen und das Anliegen vortragen, bevor einem mitgeteilt wird, man werde zurückgerufen – was selbstredend nie passiert.

Deshalb gibt es in ganz Lateinamerika die „periodistas de la fuente“. Das sind junge Kollegen, die den ganzen Tag hinter einem bestimmten Minister herrennen und ihm das Mikrofon ins Gesicht halten, damit er seine Meinung zu aktuellen Geschehnissen von sich gibt. Das ist der Journalismus, der die Mainstream-Medien füllt, egal ob Print, Radio oder TV.

Über Jahrzehnte hinweg hat sich so ein sehr freundschaftliches Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten eingestellt. Private Medienhäuser bieten den Politikern sogar PR-Pakete feil, positive Platzierung in der Nachrichtensendung und Interviews zur Prime-Time inbegriffen.

Ein besseres Geschäft als mühselige Recherche. Daneben existieren staatliche Medien, deren Aufgabe die Verbreitung von Propaganda der jeweiligen Regierung ist.

Die Bürger hegen zunehmend Skepsis gegenüber diesen Medien. Und werden im Internet selbst zu Journalisten, als Blogger oder bei Twitter. Die Information über Mexikos Drogenkrieg laufen hauptsächlich über solche Kanäle.

Und dann gibt es noch die Herzblut-Journalisten, die eigene, digitale Medien im Internet aufgemacht haben. Sie bieten tolle Recherchen, heimsen Preise ein und haben einen politisch aktiven, elitären Lesezirkel. Immer öfter geben sie die politische Agenda vor. Sie sind politisch unbequem und finanziell nicht lukrativ. Ihre Zukunft ist unsicher.

washington

Dirk Hautkapp

Birma, China, Australien. Klar wäre es aufschlussreich gewesen, Barack Obama fern der zerstrittenen Heimatscholle zu begleiten. Leider blieb der Traum für 99 Prozent des in der US-Hauptstadt akkreditierten internationalen Korrespondentenheeres unerfüllt.

Bei Kosten von 60 000 Dollar pro Mitfahrgelegenheit wären viele Heimatredaktionen in Ohnmacht gefallen. Auch der General-Anzeiger. Also blieb der Berichterstatter daheim in Washington. Und ärgert sich dort billiger über einen Präsidenten, der mit den Medien längst nicht so cool umgeht wie er in ihnen wirkt.

Regulierungswut und Misstrauen diktieren das Verhältnis. Unter Obama hat sich die Regierung der allgemeinen Hysterie seit 9/11 angepasst. Mit Gerichtsverfahren gegen Enthüllungs-Journalisten wie James Rosen geht die Administration gegen undichte Stellen in den eigenen Reihen vor.

Dabei sorgt die Regierung selbst jede Woche für gezielte Durchstechereien, um ihre Politik zu verkaufen. Oft darf nur Pete Souza, der Haus-und-Hof-Fotograf des Weißen Hauses, bei Terminen auf den Auslöser drücken, um Obama abzulichten. Unabhängiger Foto-Journalismus ist inzwischen rar. Trotz der Beschwerden Dutzender Zeitungen.

Dabei haben es die amerikanischen Zeitungen schon schwer genug: Binnen zehn Jahren haben sich die Anzeigenerlöse landesweit mehr als halbiert – auf zuletzt 25 Milliarden Dollar. Allerorten werden Redaktionsstäbe geschreddert. Mehr als 20 000 amerikanische Journalisten verloren seit dem Jahr 2006 ihren Job. Trotzdem kaufte der Milliardär Warren Buffett einige Dutzend Lokalblätter. Print lebt also. Nur prekärer.

Apropos: Selbst im Mutterland von Google und Apple verdient kein Zeitungshaus mit digitalen Nachrichten im Internet echtes Geld. Selbst der „New York Times“ ergeht es an ihrer Paywall wie Sisyphus und seinem „rolling stone“. Aber man übt und übt, fällt auf die Nase, rennt wieder los. Schöner scheitern, das können sie hier. Und kein Verleger guckt dann schief.

Für den strukturell auf Sekundärquellen angewiesenen Korrespondenten, der anders als im Berliner Parlamentsgetriebe selten Gesprächspartner von Gewicht vor sein Aufnahmegerät bekommt, ist der reich gedeckte mediale Gabentisch samt angeschlossener Denkfabrik-Industrie, die viel, viel heiße Luft produziert, nicht immer ein Glücksfall.

Dafür sind es aber die Amerikaner selbst; wohlgemerkt jene Amerikaner außerhalb der Käseglocke der Hauptstadt Washington D.C.: immer offen, empathisch und redselig.

Ulla Thiede.

Ulla Thiede

Anfang November wurde der Bürochef der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu vom israelischen Presseamt einbestellt: Er hatte ein Foto auf „Twitter“ abgesetzt, das einen von der israelischen Polizei getöteten Palästinenser zeigte. Die israelische Regierung protestierte, weil der Journalist den Toten nicht als den Attentäter identifizierte, der kurz zuvor Israelis getötet hatte.

Korrespondenten, die aus Israel und den besetzten Palästinensergebieten berichten, geraten leicht zwischen die Fronten. Dagegen spielt die Verpflichtung, Artikel mit sicherheitsrelevanten Informationen zuvor dem Militärzensor vorzulegen, in der Praxis keine Rolle.

Von den vier großen überregionalen Tageszeitungen sind mindestens zwei wirtschaftlich angeschlagen, und das hat nicht nur mit dem Internet zu tun, sondern auch mit der Gratiszeitung „Israel Heute“ (Israel HaJom), die unter der Woche zum auflagenstärksten Blatt aufgerückt ist. Sie wird von einem US-Milliardär finanziert und unterstützt offen den Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Die Berichterstattung ist meinungsstark.

Israelische Journalisten arbeiten auch investigativ. Die größten Kritiker der Regierung sind die eigenen Medien. Zurückhaltender werden sie nur, wenn Terroranschläge die innere Sicherheit bedrohen. Dann rückt das Land zusammen, die Medien sind auch Tröster und helfen bei der Trauerarbeit.

Wenn dann einer wie Gideon Levy während des Gaza-Krieges die israelischen Bomberpiloten beschimpft, weil ihrem Beschuss so viele palästinensische Zivilisten zum Opfer fielen, verletzt er die Spielregeln eines Landes im Krieg und wird zum Buhmann der Nation.

Es gibt ein Informationsfreiheitsgesetz, die Behörden geben auf Nachfrage Daten heraus. Israels Politiker sind dagegen nicht sehr auskunftsfreudig. Wenn Netanjahu die ausländische Presse zu einem Jahresempfang einlädt, sind drei Fragen zugelassen, das ist es dann.

Gute Informanten sind Denkfabriken, internationale Organisationen, Wissenschaftler und private Organisationen, die natürlich auch ihre Agenda haben. Kontakte zu knüpfen auf informeller Ebene ist leicht, die Kooperationsbereitschaft hoch.

Julius Müller-Meiningen.

Julius Müller-Meiningen

Italien ist zweifellos das Land, das die Deutschen am meisten aufregt. In jeder Hinsicht. So sehr Kultur, Lebensstil, Mode und Küche als nachahmenswert erscheinen, so heftig schütteln wir Teutonen den Kopf, wenn es etwa um italienische Politik, das Respektieren von Regeln oder Phänomene wie die Mafia geht.

Italien polarisiert, und das hilft einem Korrespondenten sehr. Die Themen von Rom bis Rimini, von Bozen bis Palermo liegen auf der Straße. Was im Parlament passiert, ist dabei oft viel weniger interessant als das Geschehen in der Bar nebenan.

Die Arbeitsbedingungen für Journalisten in Italien sind im Vergleich zu Deutschland weniger gut. Das liegt nicht nur an den Hungerlöhnen, die angehende italienische Reporter akzeptieren müssen, um beruflich voran zu kommen.

Auch Korrespondenten müssen sich daran gewöhnen, wie italienische Uhren ticken. Anfragen bei Pressestellen werden nur dann beantwortet, wenn man den Ansprechpartner persönlich kennt. So funktioniert es auch sonst: In Italien läuft fast alles über Beziehungen.

Zeitungen werden in Italien vor allem von einer Elite gelesen. Die Qualität der Information spiegelt sich darin allerdings nicht wieder. Auch die großen Tageszeitungen trennen nicht scharf zwischen sachlicher Informationen und Gerüchteküche. Nicht wenige politische Aufsätze lesen sich wie unverständliche Fabeln, in denen wörtlich aus zweiter Hand zitiert wird. Immer wieder wird von staatlicher Seite versucht, die oft zügellosen italienischen Journalisten per Gesetz mit der Androhung von Haftstrafen zu bändigen.

Diesem Extrem stehen fragwürdige Praktiken der Presse gegenüber: Bei der Verdachtsberichterstattung über einen Mord- oder Korruptionsfall sind regelmäßig Vor- und Nachnamen der Verdächtigen zu lesen.

Doch den Ton gibt in Italien seit Jahrzehnten das Fernsehen an. Hier teilen sich Silvio Berlusconi und sein Mediaset-Imperium die Quoten mit den Sendern der staatlichen Anstalt Rai. Mit La 7 durchbricht erst seit kurzem ein ernst zu nehmender Informationssender den Dualismus.

Detlef Drewes .

Detlef Drewes

In Brüssel zu arbeiten, bedeutet, in einem Land zu leben, das es nicht gibt. Die Menschen hier sind Wallonen oder Flamen oder aber Angehörige der deutschsprachigen Gemeinschaft. Jeder Bevölkerungsteil hat seine eigenen Zeitungen, eigene Fernseh- und Radiosender. Das wäre vielleicht nicht einmal schlimm, wenn man sich wenigstens verstehen würde. Aber nur ein Teil der einen Sprachengemeinschaft kann sich mit der jeweils anderen verständigen.

Natürlich ist Brüssel anders. Hier treffen die Abgeordneten, Mitarbeiter, Beamten und Emissäre aus 28 Mitgliedstaaten der EU zusammen. Und noch einmal so viele Länder haben ihre politischen Beamten in das Hauptquartier der Nato entsandt. Das ergibt eine muntere Mischung, in der nicht selten keine der Landessprachen zum Zug kommt, weil man sich ohnehin nur auf Englisch austauschen kann.

Ob das ein Problem ist? Ja, weil ständig und jeden Tag mehr als 2400 Dolmetscher und Übersetzer nötig sind, um aus Rechtstexten und Verordnungen in der einen Sprache gültige Gesetzesvorgaben auch für alle anderen Amtssprachen herzustellen. Schon diese babylonische Situation macht einen großen Unterschied zwischen der Arbeit als Korrespondent am Sitz von Europäischer Union sowie Nordatlantischer Verteidigungsgemeinschaft und einer Tätigkeit als Journalist in Deutschland aus.

Aber vielleicht ist das noch weitaus Wichtigere der „neue“ Blick, den man auf die Heimat bekommt. Wo man sich jeden Tag in Brüssel oder Straßburg  um europäische Kompromisse bemüht, spürt man immer wieder, wie die vermeintlich große, wichtige, besondere Stimme Deutschlands eben doch nur eine unter vielen ist.

Eine Erfahrung, die viele „Fürsten“ machen, wenn sie kommen und glauben, hier werde ihnen der rote Teppich ausgelegt. Sie sind nur einer von vielen, die ständig ein- und ausgehen. Dieser Realismus tut gut, ist sogar notwendig, weil eine Union nicht funktionieren kann, wenn einer sich für den Besten hält. Europa wird so jeden Tag zu einem faszinierenden Abenteuer und Brüssel zu einem Arbeitsplatz, der etwas Einzigartiges bleibt. Egal, ob man sich nun mit „Guten Tag“, „Bonjour“ oder „Goeden Dag“ begrüßt.

Felix Lee.

Felix Lee

Chinesische Zeitungsjournalisten beginnen ihren Arbeitstag wie in den meisten Redaktionen anderswo auf dieser Welt auch. Sie durchforsten die Zeitungen, das Internet und die Meldungen der Nachrichtenagenturen, um sich ein Bild über die aktuelle Weltlage zu machen. Anschließend werden auf einer Morgenkonferenz die Themen für die nächste Ausgabe diskutiert.

Doch einen gewaltigen Unterschied gibt es: Per Mail erhält jeder Redakteur am Morgen eine Liste mit Themen, über die nicht berichtet werden darf. Der allmorgendliche Gruß der Zensurbehörde.

China steht in der Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 175 von 180 Nationen. Die Zensur ist tiefgreifend. Nicht nur weisen Zensurbehörden täglich an, über welche Themen berichtet werden darf und über welche nicht.

Seit Mitte des Jahres ist es Reportern zudem verboten, außerhalb ihrer Provinzen oder Regionen zu recherchieren. Zudem müssen die einheimischen Journalisten ihre Arbeitgeber oder die Behörden um Erlaubnis fragen, bevor sie Recherchen zu „kritischen Themen“ aufnehmen. Zuwiderhandlungen werden heftig bestraft. Mindestens 30 Journalisten und 74 Blogger sitzen wegen ihrer Arbeit derzeit in China cin Haft – so viele wie derzeit in keinem anderen Land der Welt.

Mit Inhaftierung ist es jedoch keineswegs getan. Zur Abschreckung hat das chinesische Staatsfernsehen CCTV in den vergangenen Monaten immer wieder inhaftierte Journalisten und Blogger gezeigt. Vor laufender Kamera mussten sie ihr eigenes Verhalten kritisieren.

Wir in China stationierten Auslandskorrespondenten sind an und für sich von diesen drastischen Maßnahmen ausgenommen. Doch auch wir bekommen die Zensur immer wieder zu spüren. Webseiten wie Facebook, Twitter, Youtube und Instagram sind gesperrt, ebenso die internationalen Nachrichtenseiten der New York Times, der in Hongkong erscheinenden South China Morning Post und Bloomberg. Sie sind nur über sogenannte VPN-Software abrufbar, mit denen sich Chinas Internetsperren umgehen lassen.

Sämtliche Google-Dienste sind ohne diesen Dienst nur extrem verlangsamt abrufbar. Und gerade bei solch sensiblen Anlässen wie dem Jahrestag der Niederschlagung der Demokratie-Bewegung 1989 auf dem Tiananmenplatz oder Unruhen in Tibet wird uns auch der Mail-Verkehr zuweilen blockiert.

Stefan Scholl.

Stefan Scholl

Als Korrespondent deutschsprachiger Tageszeitungen genieße ich extreme Pressefreiheit. Kein Ressortleiter, der verärgert guckt, dass ich mich zur Redaktionssitzung verspäte, auch kein Chefredakteur, der mir vorschrieben will, ob ich Wladimir Putin als Ekel oder als wackeren Patrioten zu beschreiben habe.

Übrigens respektieren auch die russischen Behörden diese meine Freiheit, die alljährliche Verlängerung meiner Akkreditierung im Außenministerium ist reine Formsache. Niemand bestellt mich dorthin ein, um mich zu rügen, weil in meinen Texten Wladimir Putin oft eher als Ekel denn als wackerer Patriot erscheint.

Natürlich erlebe ich, wie die russische Presse um mich herum seit Jahren – und in den vergangenen Monaten besonders heftig – in ihrer Freiheit eingeschränkt wird. Hier wird ein Chefredakteur gefeuert, dort kicken die Kabelanbieter plötzlich kollektiv einen alternativen Fernsehkanal aus ihrem Programm.

Die „schwarze Liste“ jener Sender, Zeitungen und Internetportale, die sich noch Opposition und Kritik gegenüber dem Kreml erlauben, wird immer kürzer. Die wenigen russischen Kollegen, die weiter Courage zeigen, riskieren für ihre Pressefreiheit viel, viel mehr als ich. Aber auch meine Freiheit hat Grenzen.

Der Journalismus, mein Handwerk, diktiert sie mir selbst jeden Tag: heute 3000, morgen 5000 Zeichen, abzuliefern jeweils um 18 Uhr Moskauer Zeit. Mal Zeitnot, mal Platznot, ich schreibe Porträts oder Hintergrundberichte, erkläre Wahlkämpfe oder ganze Bürgerkriege.

Auch wenn es ganz hoch hergeht, muss ich ihr Wesen bis 21 Uhr auf maximal 8000 Zeichen gebannt haben. Sprachlich vielleicht gelungen, faktisch korrekt, aber doch oft sehr verkürzt, sehr vereinfacht.

Vor zehn Jahren bin ich für ein Jahr in ein westsibirisches Dorf gefahren und habe dort ein Buch geschrieben. Manchmal träume ich davon, mir diese Freiheit noch einmal zu nehmen.

Birgit Holzer.

Birgit Holzer

Eine Zeitung à la „General-Anzeiger“ in Frankreich? Das ist nur schwer vorstellbar! Denn eine so vielfältige regionale Zeitungslandschaft wie in Deutschland kennt man dort nicht, wo sich das mediale Leben des Landes auf ein paar Quadratkilometer konzentriert – nämlich auf Paris, die quirlige Metropole. Vielleicht bedingt dieser Zentralismus die aktuelle Krise der französischen Presse mit, die sich nicht durch exklusive lokale Nachrichten abheben kann.

Die meinungsbildenden Blätter von „Le Monde„, das im Dezember seinen 70. Geburtstag feiert, über den „Figaro“ bis zur linken „Libération„, aber auch Magazine sowie die Fernseh- und Radiosender sitzen in oder nahe der französischen Hauptstadt.

So handelt es sich um einen überschaubaren Zirkel von Medienmachern, der sich regelmäßig in Paris trifft, wo alle wichtigen Empfänge und Termine stattfinden. Die Residenz der deutschen Botschafterin ist ein zentraler Veranstaltungsort deutsch-französischer Begegnungen, im wunderschönen Palais Beauharnais, in dem einst Napoléons Frau Joséphine de Beauharnais lebte. Ihr luxuriöses Badezimmer kann immer noch besichtigt werden.

Die deutsche Presse ist übrigens zahlenmäßig gut vertreten in Frankreich, durch die engen Kontakte zwischen den Nachbarländern und das enorme Interesse – beiderseits. Ob es sich um eine neue Kunst-Ausstellung handelt, eine politische Krise, wirtschaftliche Nachrichten oder Klatsch um Prominente wie Gérard Depardieu oder Carla Bruni: Der Fundus an Themen für Artikel aus Frankreich ist unerschöpflich.

Und obwohl Paris unumgänglich bleibt, ist es wichtig, regelmäßig herauszukommen und in die sogenannte „Provinz“ zu reisen. Bei Fahrten in den Süden oder ins Elsass, in die Bretagne oder nach Korsika lernte ich die überwältigende Vielfalt Frankreichs kennen, das berüchtigte Savoir-vivre – auch und gerade in kleinen, verschlafenen Orten – und ein Land, über das zu berichten mir auch nach Jahren eine echte Freude geblieben ist.

Karim El-Gawhary.

Karim El-Gawhary

Kürzlich war ich im Nordirak an der Front zwischen den kurdischen Peschmerga und den IS-Dschihadisten unterwegs, unweit von Sumar, südlich des Stausees von Mosul. Die übliche Prozedur: Mit einer Sondergenehmigung wird man beim letzten Checkpoint vor der Front durchgelassen, an dem alle zivilen Fahrzeuge beidrehen müssen. Alles verlief nach Plan. Wir waren unterwegs zu einem Oberst der Peschmerga, der uns die Lage an der Front erklären sollte. An verlassenen Dörfern vorbei, an der Frontlinie entlang.

Da beschließt der kurdische Fahrer, einen Feldweg zu nehmen, weil die Straße geradeaus vergangene Woche vermint gewesen war. Wir passieren eine kurdischen Stellung, als die ersten Schüsse um unser Auto pfeifen. Das ist nicht das aus dem Fernsehen gewohnte Geräusch, das man hört, wenn man neben dem Schützen steht. Es gleicht eher Peitschenschlägen, wenn man hundert Meter entfernt auf der Empfängerseite steht.

Nach einigen Salven stoppt der kurdische Fahrer den Wagen. Mit erhobenen Armen steigen wir aus und gehen langsam auf die Position der Kurden zu, die zur Abschreckung weiter schießen, jetzt aber in die Luft. Der Fahrer hebt sein Hemd, um zu zeigen, dass er keinen Sprengstoffgürtel trägt, das Missverständnis ist verbal schnell geklärt. Die Peschmerga dachten, wir seien ein IS-Selbstmordkommando. Wenn wir ihrer Position noch näher gekommen wären, hätten sie nicht gezögert, in unser Auto zu schießen.

„Ich küsse deine Hand, dass du nicht direkt auf uns geschossen hast“, erkläre ich einem der kurdischen Schützen auf Arabisch. Der antwortet mit einem „Gern geschehen“, worauf alle in lautes Lachen verfallen. Ich war heilfroh, dass nicht mein letztes Stündlein in dieser unwirtlichen, abgelegenen Frontlinie im Nordirak geschlagen hat – und der Schütze war erleichtert, nicht aus Versehen einen Journalisten über den Haufen geschossen zu haben.

Das Foto ist in jenem intimen Moment entstanden, als sich zwei wildfremde Menschen, der Journalist und der Schütze, erleichtert in den Armen lagen. Einmal falsch abgebogen, und schon … Man will sich das gar nicht ausmalen.

Aber auch in Kairo, meinem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, sind die Zeiten als Journalist nicht einfacher geworden. Ende Oktober kamen die Chefredakteure aller wichtigen ägyptischen Zeitungen zusammen und haben einen bemerkenswerten Beschluss gefasst: Sie wollen fortan dafür sorgen, dass in ihren Blättern keine kritischen Töne mehr gegen staatlichen Institutionen zu finden sind. Gerechtfertigt wird dieser Beschluss als eine Art mediale Anti-Terror-Maßnahme.

Der staatliche Repressionsapparat macht aber auch vor ausländischen Journalisten nicht halt. Seit mehr als 300 Tagen sitzen mein australischer Kollege Peter Greste, der kanadisch-ägyptische Bürochef Muhammad Fahmi und der ägyptische Produzent Baher Muhammed in einem ägyptischen Gefängnis. Sie hatten für den englischsprachigen Fernsehkanal „Al-Jazeera International“ gearbeitet. In einem fragwürdigen Verfahren wurde ihnen eigentlich nichts anderes vorgeworfen, als dass sie als Journalisten ihre Arbeit gemacht haben.

Katrin Pribyl.

Katrin Pribyl

Schrill, laut und sensationsgierig, so liebt es die Boulevardpresse in Großbritannien. Es sind meist die landesweit verbreiteten Revolverblätter wie „The Sun„, „Daily Mail“ oder „Daily Mirror„, die angriffslustig Wahlempfehlungen aussprechen und regelrechte Kampagnen fahren. Die erbitterte Konkurrenz führte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Entgleisungen. Politiker, Mitglieder des Königshauses und andere Prominente wurden Opfer der Boulevardpresse.

Im Jahr 2011 erschütterte der Medienskandal rund um Rupert Murdochs „News of the World“ die Insel, wonach Handymailboxen von Angehörigen getöteter Soldaten, von Kriminalitätsopfern und Prominenten abgehört wurden. Im Anschluss diskutierte ganz Großbritannien: Soll das Mutterland der Meinungsfreiheit ein Pressegesetz einführen?

England schaffte die Zensur als erstes Land 1695 ab, die liberale Tradition der Politik sorgte dafür, dass staatliche Interventionen in die Medien kaum eine Rolle spielen, obwohl in den vergangenen Jahren offizielle Stellen vorsichtiger gegenüber Journalisten wurden und mehr Einmischungen stattfanden, etwa als der britische Geheimdienst GCHQ im Verlagsgebäude des „Guardian“ auftauchte, um Festplatten mit Informationen über den Whistleblower Edward Snowden zu zerstören.

Neben dem linksliberalen „Guardian“ gehören der traditionell konservativ ausgerichtete „Daily Telegraph„, ferner „The Times“ und der liberale „Independent“ zu den seriösen Blättern.

Wenn Briten von der deutschen Regionalzeitungs-Landschaft hören, sind sie überrascht. Denn im Königreich bestimmt die nationale Presse den Zeitungsmarkt, das Hauptgeschehen spielt in London. Die Metropole steht nie still, besticht durch ihre skurrilen, mondänen und kosmopolitischen Seiten, beherbergt mit Downing Street 10 eine der europäischen Schlüsseladressen und ist Heimat einer der wichtigsten Schaltzentralen für die globale Finanzwirtschaft.

Auch wenn ich auf eine tea time mit der Queen wohl vergeblich warte, bietet Großbritannien viel mehr als den Klatsch und Tratsch über Monarchie, Mode und Musik. Das Königreich ist faszinierend, voller Gegensätze, von Schottland bis Cornwall, von Wales bis Belfast.

Jeden Tag versuche ich aufs Neue, mich der Themenschleuder zu stellen. Weil es die Stadt laut und geschäftig mag, die Zeit rast und mit ihr die Menschen, genieße ich ab und an die Ruhe in einem der Parks. Und selbst dort findet man sie, die herrlich britischen Geschichten.

Dirk Herbermann

Dirk Herbermann

Der General-Anzeiger und ich haben eines gemeinsam: den Geburtstag am 1. Dezember. Während der General-Anzeiger heute 125 Jahre alt wird, bringe ich es nun immerhin auf 48 Jahre.

Rund ein Drittel dieser Jahre verbringe ich inzwischen schon als Korrespondent in Genf. Mein Büro befindet sich im Genfer Völkerbundpalast. Das weitläufige Haus mit dem pompösen Namen wurde zwischen den Weltkriegen für den damaligen Völkerbund errichtet. Nach 1945 zogen die Vereinten Nationen in das Gebäude ein.

Für meine Arbeit als Uno-Korrespondent ist der Ort ideal. Jeden Tag begegnen mir Diplomaten, Uno-Mitarbeiter oder Politiker aus der ganzen Welt, die im Völkerbundpalast konferieren, verhandeln und Verträge verabschieden.

Eine Episode mit Kubas Revolutionsführer Fidel Castro aus den späten neunziger Jahren bringt mich immer noch zum Schmunzeln. Castro gab in Genf eine Pressekonferenz, die von einem Schweizer Politiker moderiert wurde. Der Moderator bestimmte die Journalisten, die eine Frage stellen konnten.

Ein Journalist fühlte sich übergangen, er forderte lautstark, dass auch er eine Frage stellen dürfe. Der Moderator aber sagte: „Nein“. Castro ging dazwischen und ordnete an: Der Mann darf seine Frage stellen. Dann wandte sich Castro an den verdutzen Moderator und blaffte ihn an: „Wer ist hier der Diktator? Sie oder ich?“

Neben der Uno berichte ich auch über die Schweiz. Das kleine Land mit den vielen Sprachen bietet eine Fülle von Geschichten: Vom Bankgeheimnis über die direkte Demokratie bis hin zum schwierigen Verhältnis mit der EU. Als Deutscher berichte ich natürlich auch über die Deutschen in der Schweiz. Viele Landsleute und auch ich schätzen die Schweizer Medien.

Die meisten Zeitungen halten einen hohen Standard – trotz der Krise im Printbereich. Das gilt für Regionalzeitungen wie die „Südostschweiz“ aus Graubünden genauso wie für das Aushängeschild des helvetischen Journalismus, die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ). Im Redaktionsgebäude der NZZ unweit des Zürichsees hängen die Bilder der „Chefredaktoren“.

Es ist eine lange Reihe, denn das Blatt wurde 1780 gegründet. Somit ist die NZZ sogar noch älter als der General-Anzeiger.

Willi Germund

Das Foto zeigt Willi Germund (rechts, mit Hut in der Hand) auf der "Hühnerbank" im Heck einer einmotorigen Maschine  während eines Besuchs der indonesischen Provinz Aceh Anfang November. Foto: Andrea Kümpfbeck

Das Foto zeigt Willi Germund (rechts, mit Hut in der Hand) auf der „Hühnerbank“ im Heck einer einmotorigen Maschine während eines Besuchs der indonesischen Provinz Aceh Anfang November. Foto: Andrea Kümpfbeck

In meiner Berichtsregion zwischen Afghanistan im Westen, den Philippinen im Osten und dem asiatischen Raum südlich von China lebt etwa ein Fünftel der Menschheit. Deshalb verbringe ich viel Zeit in der Luft. Von meinem Wohnsitz Bangkok brauche ich etwa 4,5 Stunden bis in die pakistanische Hauptstadt Islamabad.

Das Beispiel Philippinen zeigt, dass es nicht damit getan ist, in Manila anzukommen. Es kann zwei Stunden dauern, bis man am Flughafen ein Taxi erwischt. Je nach Uhrzeit dauert die Fahrt ins Hotel noch einmal so lange. In Kabul sind die Strecken kürzer.

Aber manchmal dauert es wegen eines Anschlags unendlich lange, bis ich dem zwangsläufig folgenden Verkehrschaos entrinne und in einem Gästehaus ankomme. Zum Glück gibt es Mobiltelefone und Twitter. Sie helfen, mich während der langen Wartezeiten auf dem Laufenden zu halten.

Meine Arbeit ist vor allem von den großen nationalen, ethnischen und religiösen Unterschieden geprägt. Afghanistan und Laos haben beim besten Willen keine Gemeinsamkeiten. Gleichzeitig kann ich mich fast nie nur auf ein einziges Thema konzentrieren. Während ich Anfang November in der indonesischen Provinz Aceh zehn Jahre nach dem Tsunami Eindrücke aus der Region gesammelt habe, musste ich gleichzeitig den zweifelhaften Prozess des Regimes in Malaysia gegen den Oppositionspolitiker Anwar Ibrahim im Auge behalten.

Das sind freilich Begleiterscheinungen eines hochspannenden Jobs, weil fast immer etwas los ist. Ich will nicht verschweigen, dass ich außerdem Europas MEZ und vor allem die Winterzeit liebe. Denn die gibt mir in Bangkok einen Zeitvorsprung von sechs Stunden.

Wenn die Kollegen morgens in Deutschland in der Redaktion auftauchen, ist es bei mir bereits 15 Uhr nachmittags. Das ist spät genug, um Themen einschätzen zu können – vor allem aber gibt es mir viel Zeit, um bei einem morgendlichen Cappuccino Zeitungen aus der ganzen Region zu lesen.

Indien gehört zu den wenigen Ländern der Welt, in denen die Auflagen der gedruckten Medien klettern. In einer Diktatur wie Thailand, das seit Mai 2014 von Militärs beherrscht wird, sind wegen der strengen Reglementierung der Presse Online-Medien inzwischen viel spannender.

Das Portal Prachathai.com kann meiner Meinung nach als weltweites Vorbild gelten. Denn nicht nur in Thailand wird die Meinungsfreiheit unterdrückt. Nahezu in der gesamten Region tobt eine heftige Auseinandersetzung zwischen einer Presse, die frei sein möchte, und Behörden beziehungsweise politischen Gruppen, die Kritik hassen. Selbst brutale Morde gehören zu diesem ewigen Kampf.

istanbul

Susanne Güsten

Das Beste an der Arbeit einer Reporterin in der Türkei sind die Menschen. Ob man nun die enge Wohnung eines Arbeiters in Istanbul besucht, ein armes Bauernhaus im Kurdengebiet oder das Büro eines mächtigen Politikers oder Wirtschaftsführers: Stets bekommt man zuerst einmal einen Tee angeboten.

Selbst die radikalsten Nationalisten oder Islamisten sind äußerst höflich im Umgang, weil alles andere eine schändliche Verletzung der traditionellen Gastfreundschaft wäre. Der dampfend heiße Tee im tulpenförmigen Glas tut viel für die Atmosphäre zwischen Gastgeber und Gast.

Zu Deutschland haben viele Türken ein besonders enges Verhältnis. Fast jeder hat Verwandte oder Bekannte, die in der Bundesrepublik leben, oder sie waren selbst einmal in Almanya. Der Respekt vor Deutschland ist weit verbreitet; auch das öffnet Türen.

Im Gegensatz zu vielen türkischen Kollegen können ausländische Reporter in der Türkei mehr oder weniger ungestört arbeiten. Auch wenn Politiker wie Präsident Recep Tayyip Erdogan gerne und häufig auf die internationale Presse schimpfen, werden ausländische Reporter meistens in Ruhe gelassen.

Bei der türkischen Presse ist das ganz anders. Kolumnisten und selbst Karikaturisten werden wegen Beleidigung von Politikern oder gar der Unterstützung einer Terrororganisation angeklagt und teilweise zu Haftstrafen verurteilt.

Der Druck kommt auch von den Arbeitgebern der türkischen Journalisten. Viele Zeitungen und Fernsehsender gehören zu Mischkonzernen, die Interessen außerhalb des Mediengeschäfts haben und sich mit einer regierungsfreundlichen Berichterstattung öffentliche Aufträge, etwa im Bausektor, sichern wollen.

Diese ungesunde Vermischung von wirtschaftlichen Interessen schwächt die Kontrollfunktion der Presse in der türkischen Demokratie.

madrid

Ralph Schulze

Dass sich Fernsehzuschauer nicht immer für dumm verkaufen lassen, lässt sich in Spanien beobachten: TVE befindet sich in einer Glaubwürdigkeitskrise. Seit die konservative Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy den einst angesehenen und unabhängigen öffentlichen Sender wieder zum „Staatsfunk“ machte, laufen den beiden Fernsehprogrammen die Zuschauer weg.

Beliebte Moderatoren wurden nach dem Machtwechsel Ende 2011 von den Sozialdemokraten zu den Konservativen reihenweise in die Wüste geschickt, weil sie nicht auf der richtigen Linie waren. Stattdessen platzierte Regierungschef Rajoy politische Günstlinge vor und hinter den Kameras.

Fernsehdirektor José Ramón Díez musste jüngst kleinlaut einräumen, dass sein Sender „Glaubwürdigkeit verloren“ habe. Unbequeme Themen, welche den konservativen Zensoren nicht genehm waren, verschwanden über Nacht aus dem Programm.

So wird zum Beispiel Spaniens neue Protestpartei Podemos („Wir schaffen es“), welche aus der Bürgerbewegung der „Empörten“ entstand, weitgehend vom Staats-TV ignoriert. Vermutlich, weil die steil aufsteigende Partei inzwischen als stärkster Gegner für die Konservativen um Mariano Rajoy gilt.

Der kritische und unabhängige TV-Journalismus stirbt aus – und die Bürger wenden sich zur Strafe ab: Der Sender, der früher mit Spitzenquoten glänzte, rutschte in der Gunst des Publikums auf den dritten Platz. Nun dümpelt TVE hinter den privaten TV-Häusern Telecinco (15 Prozent Marktanteil) und Antena 3 (13 Prozent) mit nur noch neun Prozent Quote auf dem dritten Platz.

Auch finanziell steht dem Mutterhaus RTVE, das zwei Fernseh- und fünf Radioprogramme produziert, das Wasser bis zum Hals. Der Etat wird jedes Jahr kleiner, da der spanische Staat, der sich immer noch in einer tiefen Schuldenkrise befindet, kein Geld mehr hat.

2014 hat RTVE 940 Millionen Euro zur Verfügung. Der RTVE-Haushalt wird vom Staat (mit derzeit 290 Millionen Euro) gespeist – und mit einer umstrittenen Steuer, welche die Privat-Sender und Telekommunikationsanbieter abführen müssen. Die Werbung wurde 2010 im öffentlichen TV abgeschafft.

Auch wenn Spaniens öffentlich-rechtliches Fernsehen auf dem absteigenden Ast ist, in Sachen TV-Konsum sind die Spanier trotzdem rekordverdächtig: Mehr als vier Stunden am Tag sitzen die Menschen im Süden Europas im Durchschnitt vor der Glotze.

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