„Ansturm aus der Steppe“

In der Nazi-Diktatur war der General-Anzeiger ein gleichgeschaltetes Blatt, schützte aber zwölf Jahre lang einen “halbjüdischen” Mitarbeiter. Betrachtung eines Historikers.

Von Bernd Sösemann

Zur Person
Professor Dr. Bernd Sösemann, Jahrgang 1944, lehrt und forscht zur Geschichte der öffentlichen Kommunikation am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaften an der Freien Universität Berlin.

Viele Leser dürften am 6. Oktober 1933 gestaunt haben. Feierte doch der General-Anzeiger in der Überschrift die „absolute innere Unabhängigkeit“ der Presse. In Superlativen pries er das „modernste Pressegesetz der Welt“ und den Propagandaminister Goebbels als seinen „entschlossensten Vertreter“.

Nichts blieb mehr: Völlig zerstört wurde das Verlagshaus an der Bahnhofstraße beim Bombenangriff auf Bonn am 18. Oktober 1944.

Nichts blieb mehr: Völlig zerstört wurde das Verlagshaus an der Bahnhofstraße beim Bombenangriff auf Bonn am 18. Oktober 1944.

Hatte das Regime nicht zuvor Zeitungen verboten, Redaktionen stürmen lassen, Verleger und Journalisten bedroht, verhaftet, in die Emigration getrieben? Seit dem 30. Januar 1933 hetzte die Regierung Hitler-Papen-Hugenberg gegen nicht „national“ Denkende, gegen „jüdische Gauner“, „Volksschädlinge“ und „Bolschewisten“. Sie manipulierte die März-Wahlen, schloss die KPD-Abgeordneten aus dem Reichstag aus und verbot alle Parteien.

Dem Leser der 14 752. Ausgabe seines ehrwürdigen GA offenbarte sich nun ein Kurswechsel. Als „totalitäre Wende“ ließ Goebbels das „Schriftleitergesetz“ bejubeln, und die Betroffenen schlossen sich ihm an. Denn ihr Beruf wurde als „Dienst am Staat“ definiert und rückte sie selbst in eine beamtenähnliche Position wie die Notare.

Der GA begrüßte wie alle Zeitungen in Deutschland, dass man Journalisten „als Vertreter der Geistigkeit“ anerkannt und ihnen die „Unabhängigkeit vom Verleger“ zugesichert habe. Goebbels erklärte allerdings unmissverständlich, mit dem Gesetz finde die Freiheit des Geistes klare Grenzen. Die Presse sei ein nationales Erziehungsmittel wie Schule, Bühne, Rundfunk oder Film.

Wahnsinnig sei es, einzelnen „die absolute Freiheit des Geistes (…) zu garantieren“. Der in „Schriftleiter“ umbenannte Redakteur hatte Deutscher von Ehre, arischer Abstammung und in einer Berufsliste eingetragen zu sein sowie nur Gemeinnütziges zu schreiben.

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Schriftleiter mussten nunmehr publizieren, was unter der Parole „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ dem Führerstaat diente. Nur eine deutschsprachige Zeitung im Ausland wie die Neue Zürcher konnte kritisieren: Die Aufgabe der Presse bestehe nun darin, „nicht mehr zu diskutieren, sondern (…) die Entschlüsse der Regierung mit den Argumenten unterbauen zu helfen, die sie beizubringen vermag“ (Ausgabe vom 10. Oktober 1933).

Im Kampf gegen Wirtschaftskrise, Inflation, Arbeitslosigkeit und bei der Bemühung um den Zusammenhalt der Gesellschaft sah sich der GA auf der Seite der autoritären Koalition. Das Ideal der „Volksgemeinschaft“ vertrat er jedoch in einer nicht antisemitischen Ausrichtung. Im Kampf gegen den Bolschewismus nahm er eine deutschnationale Position ein. Ein Rückblick auf die Weimarer Republik erhellt sein Verständnis von Demokratie und Gesellschaft. Da die Verlagsakten im Bombenhagel verbrannten, bleibt für historische Erkundungen nur die überlieferte gedruckte Zeitung.

Am 2. November 1918, eine Woche vor der Flucht des Kaisers, schrieb der General-Anzeiger, die Abdankung des Monarchen würde eine „Katastrophe heraufbeschwören (…), die vielleicht im Bolschewismus ihr Ende“ finde. Diese Furcht beherrschte ihn auch in späteren Krisen. Sie steigerte sich, als 1930 die letzte SPD-Regierung zurücktrat. Dieser „bitterernsten“ Demission maß der GA eine „historische Bedeutung für das Schicksal (…) des deutschen Volkes“ bei (28. März 1930).

Nach den Neuwahlen erreichten KPD und NSDAP die prognostizierte Mehrheit im Reichstag, die bürgerlichen Parteien schrumpften katastrophal, und nur das Zentrum konnte weiterhin als „ruhender Pol“ gelten (15. September 1930). Die folgenden Präsidialkabinette von Brüning, Papen und Schleicher fanden keine parlamentarische Unterstützung, sondern nur die des Reichspräsidenten. 1931/32 sah der General-Anzeiger in Hindenburg den letzten starken Garanten der Republik und „das Symbol der deutschen Einheit“.

Die Zeitung plädierte aber nicht für eine Regierungsbeteiligung Hitlers wie etwa die „Frankfurter Zeitung“. Man wollte nicht den Teufel KPD mit dem Beelzebub NSDAP vertreiben. Ein Hitler werde sich in der Regierungsverantwortung nicht mäßigen: „Die Nationalsozialisten sagen, sie wollen auf legalem Wege zur Macht kommen. (…) kein Nationalsozialist aber hat ausgesprochen, daß, wenn man an der Macht sei, man von der Macht auch legal Gebrauch machen werde.“ „All das, was wir im letzten Jahrzehnt erlebt haben, würde eine Kleinigkeit sein im Vergleich zu dem, was uns bei einem Hitler-Regime (…) bevorstehen würde“ (4. April 1932).

Die Hitler-Regierung fiel nicht vom Himmel. Die Berater um Hindenburg und Papen aus dem Bankenbereich und Vertreter der rheinisch-westfälischen Großindustrie favorisierten eine Koalition mit der NSDAP, die sie zu steuern gedachten. Am 2. Februar 1933 hegte die Leitung des General-Anzeigers (Peter Neusser und Heinz Dohm) Bedenken gegen die NSDAP, die sich als der „nationalen Sehnsüchte alleiniger Hort“ sah.

Ausgabe vom 6. Oktober 1933: Die Titelseite applaudiert dem neuen "Schriftleitergesetz".  Die alte Berufsbezeichnung "Redakteur" gilt nun als "undeutsch".

Ausgabe vom 6. Oktober 1933: Die Titelseite applaudiert dem neuen „Schriftleitergesetz“.
Die alte Berufsbezeichnung „Redakteur“ gilt nun als „undeutsch“.

Dem GA war in den folgenden Wochen zu entnehmen, mit welcher Entschlossenheit die Hitler-Papen-Hugenberg-Regierung die angekündigte „totale Umgestaltung“ vornahm. Mehr als 2000 Journalisten und Schriftsteller mussten emigrieren. Der Einfluss von Staat und Partei steigerte sich durch Enteignungen und Zwangsaufkäufe jüdischer Verlage und Druckereien.

Mit dem „Ermächtigungsgesetz“ (23. März 1933) stimmten das Zentrum und Demokraten wie Theodor Heuss der Entmachtung des Parlaments zu. Der GA feierte mit der NSDAP den 1. Mai als Tag der „nationalen Arbeit“ und der Volksgemeinschaft. Wie 1914 würden keine Parteien mehr existieren, aber anders als damals gebe es einen „hinreißenden Führer“.

Am 11. Mai berichtete das Blatt von der Bücherverbrennung als „rücksichtslosen Kampf“ gegen den „undeutschen Geist“. Neben Bonner Studenten hätten auch Universitätslehrer gegen alles Undeutsche, Linke und Liberalistische gesprochen. Die aus „fremdartigem Denken und Fühlen“ entstandene Literatur sei „auszurotten“ (11. Mai 1933). Dichtung und Kunst müssten völkisch, kühn und von der „Stimme des Blutes“ geprägt sein.

Anfang Oktober 1933 hat sich die verbliebene Presse selbst gleichgeschaltet: aus Furcht vor Rechtlosigkeit und Terror, nach physischem und wirtschaftlichem Druck, aus finanziellen Erwägungen oder auf Grund angepasster ideologischer Interessen.

Ende 1933 herrschte der politische Ausnahmezustand permanent. Nachdem die Pressefreiheit beseitigt worden war, wurde jeder Artikel, der nicht begeistert lobte, vom Regime als Kritik empfunden.

Parteigänger und Opportunisten zeigten sich erfreut über das gestärkte nationale Selbstbewusstsein, die wiederbelebte Wirtschaft und die Missachtung des „Schandvertrags von Versailles“. Der Leitartikler des GA offenbarte, zu welchem Lobpreis über die manipulierte Volksabstimmung im November er fähig war: Die hohe Zustimmung sei eine „unfaßbare göttliche Fügung“, schrieb Dr. Hans Elze. In „freier Führerwahl“ habe das Volk dem „schlichten unbekannten Mann“ zugestimmt, dessen „Reinheit seines Glaubens und Wollens“ es spüre.

Der Hauptschriftleiter endete mit dem Appell: „Danket dem Führer, der als Werkzeug Gottes uns dieses Wunder gebracht hat. Heil ihm, heil dem Führer des Volkes! Heil Hitler!“ (13. November 1933). Ein „Treueschwur für alle Zukunft“ folgte auch 1934 nach Hitlers Mordaktion gegen die SA, gegen Politiker, katholische Führer und Militärs (2. Juli 1934).

Nach dem Austritt aus dem Völkerbund feierte Elzes Stellvertreter Egon-Erich Albrecht im „unerschütterlichen Glauben (…) und freudigen Herzens unseren Führer“ (20. August 1934). In Hitler sah er die Wiedergeburt eines Cäsar und den „Garant des Friedens“. Der Führer habe „nach den furchtbaren Jahren der inneren Zerrissenheit“ die Deutschen vor dem Bolschewismus bewahrt und mit dem Anschluss Österreichs das Werk Bismarcks vollendet (1. April 1938).

Das Regime honorierte diese Auffassungen. Es setzte den GA, dessen durchschnittliche Auflage auf 18 800 Exemplare gestiegen war, auf keine Verbotsliste.

„Die beispiellosen Erfolge seit der Machtergreifung“, hieß es im Kriegsjahr, seien durch eine „völlige geistige Erneuerung“ erzielt worden. Und man werde über die „englisch-plutokratischen Geldsackinteressen“ siegen (27. Juli 1939 und 20. Januar 1941). Die Hoffnung auf „die Unüberwindbarkeit unseres moralischen Charakters“ und die „heilige Entschlossenheit“ steigerten sich im totalen Krieg ebenso wie die Hetze gegen den „feigen Mordterror“ der Alliierten, die sich „mit dem jüdischen Bolschewisten gemein“ machten (seit Februar 1943).

Der deutsche „dreißigjährige Krieg“ gelte seit 1914 der „Bewahrung unseres mehr als tausendjährigen Kulturbodens“ sowie Europas gegen den „Ansturm aus der Steppe“

Mit drei Seiten und schließlich einem einzigen Blatt ähnelten die „Bonner Nachrichten“, in denen der GA im August 1944 aufgegangen war, eher einem Flugblatt als einer Zeitung. Der letzte Kommentator kombinierte am 1. März 1945 seine Siegesgewissheit mit den Durchhalteparolen Friedrich des Großen. Deutschland könne den „satanisch“ kämpfenden Alliierten widerstehen, weil es in beispielloser „Totalität zur Verteidigung von Leben und Zukunft“ geeint sei. Der Aufstieg werde in einem „emporstürmenden Fluge“ kommen. Eine Woche später marschierten US-Soldaten in Bonn ein.

Im Ausharren bis zum Untergang ist schwerlich ein Wert zu sehen. Die Fortexistenz des GA nutzte dem NS-Regime, weil sie Normalität, Professionalität und Kontinuität suggerierte und zur Legitimierung und Machtsicherung des Regimes beitrug.

Für Journalisten und Verleger sind in einer Diktatur Distanzierung oder Verweigerung nicht möglich. Nichts kann „zwischen den Zeilen“ formuliert werden. Versucht der Autor dennoch eine Camouflage, riskiert er seine Existenz. Diktaturen lassen sich nur vor ihrer Etablierung mit Aussicht auf Erfolg bekämpfen.

Der GA hatte zwar vor dem Antiparlamentarismus und der Freiheitsfeindlichkeit der NSDAP gewarnt, doch nach 1933 stimmte er sukzessive in den Chor der Totengräber von Demokratie und Meinungsfreiheit ein. Er sank zu einem Verlautbarungsorgan des Regimes ab.

Nur im Fall eines nach NS-Begriffen „halbjüdischen“ Mitarbeiters, verheiratet mit einer „Arierin“, erreichte der Verlag einen guten Ausgang. Anfangs beschäftigte der GA den gefährdeten Johann Ignaz Schmitz-Reinhard in der Lokalredaktion und später an unauffälliger Stelle, so dass er überlebte.

Ihm hat im Chaos des Untergangs nicht geschadet, dass sein Name ausgerechnet am 30. Januar 1945 im Impressum als Hauptschriftleiter stand. Nach dem Krieg führte er in Beuel eine Buchhandlung, gründete einen Geschichtsverein und verfasste eine Broschüre über den Beueler Pfarrer Maximilian Zingsheim, der sich in seiner seelsorgerischen Arbeit nicht einmal von der Gestapo hatte behindern lassen.